Warum Konflikte festfahren und weshalb wir über Interessen statt Positionen sprechen sollten

In Konflikten prallen oft feste Aussagen aufeinander. „Ich will das nicht.“ „Ich brauche das so.“ „Ich bin dagegen.“ Solche Positionen wirken klar, aber sie verraten kaum etwas darüber, warum jemand so denkt. Genau hier entsteht der Fehler, der viele Verhandlungen blockiert: Man diskutiert über Standpunkte, bevor man versteht, welche Interessen dahinterstehen.

Positionen zeigen nur die Oberfläche

Das Harvard-Konzept beschreibt den Unterschied deutlich. Eine Position ist das sichtbare Ergebnis einer Entscheidung. Ein Interesse ist der Grund, der zu dieser Entscheidung geführt hat. Erst wenn man diesen Grund versteht, wird Verhandlung überhaupt möglich.

Ein einfaches Beispiel zeigt das gut. Jemand sagt: „Ich bin Vegetarier*in.“ Die Position wirkt eindeutig. Doch dahinter können völlig verschiedene Interessen stehen: Tierschutz, ökologische Überzeugungen, Kostenfragen, gesundheitliche Motive oder schlicht die Tatsache, dass jemand keinen Geschmack an Fleisch findet. Die Haltung nach außen ist dieselbe, die Beweggründe sind völlig verschieden.

Und genau deshalb führt man bessere Gespräche, wenn man fragt, was jemanden antreibt, statt über das Etikett zu diskutieren.

Warum Missverständnisse im Arbeitsalltag so schnell entstehen

Im Berufsleben passiert dasselbe. Eine Mitarbeiterin lehnt eine Beförderung ab. Die Position überrascht, denn aus Sicht der Organisation ist eine Beförderung ein Vorteil. Erst der Blick auf die Interessen zeigt das eigentliche Thema: vielleicht Sorge um Work-Life-Balance, Bindung ans Team, fehlende Sicherheit oder Zufriedenheit mit der aktuellen Rolle.

Wenn man nur die Position sieht, bleibt die Situation rätselhaft. Wenn man das Interesse versteht, wird sie nachvollziehbar – und lösbar.

Interessen sind flexibler als Positionen

Interessen können sich ergänzen oder gegenseitig verstärken. In vielen Fällen gibt es sogar gemeinsame Interessen, die auf Positionsebene unsichtbar bleiben. Ein Mieter und eine Vermieterin wollen vielleicht unterschiedliche Dinge aushandeln, teilen aber das Interesse an einer stabilen Wohnsituation. Zwei Teammitglieder haben unterschiedliche Ideen, verfolgen aber dasselbe Ziel: ein gutes Ergebnis.

Wer diese Schnittmengen erkennt, findet Lösungen, die für beide Seiten funktionieren.

Die entscheidende Frage lautet: Warum?

Warum ist jemand gegen eine Entscheidung? Warum ist ihm etwas wichtig? Warum wehrt sich jemand gegen einen Vorschlag?

Die Psychologie zeigt, dass Menschen fast immer nachvollziehbare Gründe haben, diese aber nicht automatisch in ihrer Position ausdrücken. Wer sie verstehen will, muss nachfragen und zuhören – nicht, um zu widerlegen, sondern um zu verstehen.

Fazit: Lösungen entstehen dort, wo Interessen sichtbar werden

Gute Verhandlung beginnt nicht bei Forderungen, sondern bei Beweggründen. Dort liegt die Chance für Klarheit, Kooperation und Kreativität. Wer Interessen erkennt, findet Lösungen, die mit Positionen nie sichtbar geworden wären.

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Homeoffice in der Schweiz: Warum Firmen zurückrudern und Erkenntnisse aus der Psychologie

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Der grösste Fehler in schwierigen Gesprächen und wie man es richtig macht